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Stück für Stück

FROM MEDEA von Grazia Verasani |  Premiere 01.10.2008 | Regie: Evelyn Plank 
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Wenn eine Mutter ihr Kind tötet, dann ist das oft ein Fall für die Boulevardpresse. Diese erlaubt uns dann, erleichternd mitleidslos, das härteste moralische Urteil zu fällen, zu dem wir fähig sind. Und dann - mit einem leichten Schauern angesichts dieser ‚Perversion‘ der Natur - umzublättern. Was aber, wenn die Geschichte hier erst beginnt?

Vier Frauen, verurteilt wegen Kindstötung, sitzen gemeinsam ihre langen Haftstrafen in einer Gefängniszelle ab. Marga, Vincenza, Rina und Luisa bilden in ihrem Schicksal eine eingeschworene Zweckgemeinschaft. Sie versuchen den Rest Leben der in ihnen geblieben ist, zu bewältigen. Ihre Erinnerungen sind das einzige, was sie noch haben und doch tabu. Die Ankunft des Neuankömmlings Marga bringt das mühsam aufgebaute Überlebenskonstrukt der etablierten Gefängnisinsassinnen ins Wanken. Obwohl Marga sich eingliedert und zunächst an die Regeln der Verdrängung hält, reißt ihre Ankunft bei den Anderen die nie verheilten Wunden auf. Die Unfassbarkeit ihrer Tat wird für die Frauen dadurch nicht geringer, dass sie sie selbst verübt haben. Sie suchen Ventile für das aufgestaute Schweigen. Sie leugnen, rechtfertigen sich und suhlen sich dann wiederum geradezu in Schuld. Doch die Absolution, die jede innerlich ersehnt, gibt es nicht - am wenigsten vor sich selbst.

Über das Beziehungsgeflecht der Protagonistinnen setzt die Autorin in feinfühligen Dialogen vier Einzeldramen zu einem eindringlichen Bild zusammen. Dabei erzeugt der neutrale Standpunkt und in keinem Moment moralisierende Standpunkt der Autorin eine mitreißende Spannung. Das Publikum findet sich in einem intensiven Spagat zwischen Mitgefühl und Verdammung der Mörderinnen. Auf eine berührende, erschreckende und doch fast liebevolle Art konfrontiert die Geschichte um die vier Frauen den Zuschauer mit der Gewissensfrage: Darf ich diese Frauen mögen? 

Über die Autorin
Grazia Verasani, Norditalienerin aus Bologna, Jahrgang 1964, ist Schauspielerin, Autorin und Liedermacherin. Die Uraufführung von „FROM MEDEA" fand 2002 in Rom statt. Grazia Verasani ist auch als Krimiautorin bekannt und hat unter anderem die Figur der Privatdetektivin Giorgia Cantini in “Briefe einer Toten” geschaffen.  

Interview mit Grazia Verasani
TMF: Gab es einen bestimmten Grund oder Anlass für Sie, sich mit dem Thema zu beschäftigen? 
GRAZIA VERASANI: Der Impuls kam durch den „Fall Franzoni“, einen Fall von Kindsmord, der in Italien viel Aufsehen erregt hatte. Genauer gesagt war der Anlass für mich die Art und Weise, in der der Fall in den Medien behandelt wurde: Sehr voreingenommenen, sehr oberflächlich und ohne Sensibilität. Mit „FROM MEDEA" wollte ich verstehen und nicht urteilen. In der öffentlichen Debatte wurde die medizinisch-psychologische Seite des Problems völlig unterschätzt. Darüber bin ich sehr wütend geworden, denn zumindest hier in Italien wird die Mutterschaft - sei es in der Werbung, im Fernsehen oder in der Literatur - immer idealisiert: Die Mutter ist immer gut, macht nie Fehler, ist immer perfekt. Diese Last wird mit den realen Anforderungen zu einer explosiven Mischung.

TMF: Gab es reale Vorbilder für die Figuren des Stücks? 
VERASANI: Nein. Aber ich habe viel über tatsächliche Fälle von Kindsmord gelesen. Ein Fall hat mich besonders bewegt. Diese Frau hatte ihr Neugeborenes zusammen mit den Windeln in einem Moment geistiger Abwesenheit, einem totalen Blackout, in die Waschmaschine gesteckt. Abgesehen davon gab es in Italien einen Fall, der dem von Rina relativ ähnlich war. Aber letztendlich ist „FROM MEDEA“ natürlich fiktiv. 

TMF: Als das Ensemble hier in München mit einer Psychotherapeutin über das Thema gesprochen hat, haben wir erfahren, dass in Fällen, wie wir sie erzählen, immer zwei Komponenten zusammenkommen. Das eine ist, dass die betroffene Frau immer ein Problem in der Kindheit hatte – oft gab es sexuellen Missbrauch oder Gewalt. Der zweite Punkt ist, dass die Frau im Moment der Tat eine kritische Phase durchlebt, überfordert und alleingelassen ist.  
VERASANI: Ja, vor allem bei Rina und Luisa zeigt sich die Einsamkeit. Marga und Vincenza hatten ja eigentlich Ehemänner und Familie. Aber bei den Fällen, die ich recherchiert habe, gab es auch Ehemänner – vielleicht waren die aber abwesend oder haben nicht verstanden, wie schwerwiegend das Problem war.

TMF: War es schwer, Distanz zum Thema zu wahren? 
VERASANI: Wenn man über traurige Sachen schreibt, riskiert man immer ein bisschen, in die Depression zu rutschen. Aber das ist nicht geschehen. Der Text wurde zügig geschrieben, mit großer emotionaler Anteilnahme und einer immensen Empathie. Denn ich wollte unbedingt erreichen, dass diese Frauen „schuldige Unschuldige“ ergeben. Ich wollte sie nicht rechtfertigen, aber ich wollte ihren Charakter, ihr Temperament verständlich machen. 

TMF: Hier hat man befürchtet, dass viele Leute den Titel nicht verstehen, weil sie Medea nicht kennen.
VERASANI: Die Idee zum Titel ist mir gekommen, weil ich dachte, was diese Frauen uns erzählen, ist wie Stimmen, Nachrichten, Briefe von Medea.

Das Interview mit Frau Verasani führte Christoph Riemensperger

 

Medea zwischen Mythos und Moderne
Vincenza: „Kennst Du Medea? (…) Eine, die ihre Kinder umgebracht hat.“
Luisa: „Und warum hat sie ihre Kinder umgebracht? (...) Wahrscheinlich sind sie ihr auf die Nerven gegangen, oder sie hatte nicht genügend Mutterinstinkt.“  
Nein, Luisa: Die Medea des griechischen Mythos war die Tochter Aietes´, des Königs von Kolchis. Eines Tages landeten die sogenannten ‚Argonauten‘ (benannt nach ihrem Schiff ‚Argo‘) Iason und seine Gefährten in Kolchis. Medea verliebt sich in Iason. Die Argonauten sind auf der Suche nach dem Goldene Vlies, das Fell eines mythischen Widders. Der König Aietes will den Iason das Vlies nur überlassen, wenn dieser den Hüter des Vlies, einen Drachen tötet, mit einem feuerschnaubenden Stier ein Feld pflügt. Die Zähne des Drachen in die Furchen säht und die daraus emporwachsenden Männer bekämpft. Medea hilft den Argonauten mit ihren Zauberkräften diese Aufgaben zu lösen. Sie folgt Iason nach dem Ende der Eroberungsfahrt in seine Heimat Iolkos. Pelias, der Onkel Iasons, hatte Iason auf die Suche nach dem Goldenen Vlies geschickt, um sich seiner zu entledigen. In Iolkos rächt sich Medea für diese Intrige. Sie stiftet Pelias´ Tochter zur tötung des eigenen Vaters an mit dem Versprechen, sie könne Pelias damit seine Jugend zurückgeben. Daraufhin müssen Medea und Iason nach Korinth fliehen, wo König Kreon herrscht. Um sich und seinen Kindern aus der Ehe mit Medea eine bleibende Zufluchtsstätte zu sichern, verstößt Iason Medea und vermählte sich mit Kreons Tochter Glauke. Medea rächt sich erneut: Sie tötet Glauke und wird nach ihrer Flucht nach Asien zur Stammmutter der Meder im heutigen Iran.
Die Tragödie „Medea“ von Euripides, einem bekannten griechischen Dichter (480 v. Chr. – 406 v. Chr.), beginnt erst nach ihrer Flucht nach Korinth. Medea und Jason haben zwei gemeinsame Söhne. In dieser Medea Version schickt Medea der Braut von Iason ein vergiftetes Kleid und ein vergiftetes Diadem als Hochzeitsgeschenk. Durch diese tödlichen Geschenke sterben die Braut Glauke und der ihr zu Hilfe eilende Vater Kreon. Anschließend tötet Medea ihre eigenen Söhne, um Jason noch tiefer zu treffen. Nach dieser Tat flieht Medea auf einem mit Drachen bespannten Wagen, den ihr der Sonnengott Helios (ihr Großvater) geschickt hat, zu Aigeus, dem König Athens, dessen Asyl sie sich zuvor erbeten hat. 

Der Medea-Stoff, vor allem in der Fassung des Euripides, dient in der Kunst und Literatur immer wieder als Ausgangspunkt weiterer Bearbeitungen und Neuninterpretationen: Bekannte Bearbeitungen bieten z.B. Franz Grillparzer oder in den letzten Jahren Christa Wolf und Tom Lanyoes „Mamma Medea“, das aktuell auch auf dem Spielplan der Münchner Kammerspiele zu finden ist.

Maternity Blues (auch: Baby Blues) umfasst eine Vielzahl von Symptomen, die bei Müttern in der Regel kurz nach der Geburt auftreten. Die Ausprägung reicht hierbei von leichten Stimmungsschwankungen bis zu depressiven Verstimmungen. Die Abgrenzung zur Kindbettdepression ist im Einzelfall nur schwer zu leisten. Nach Schätzungen sind bis zu 80% der Gebärenden davon betroffen. Bei einer Langzeitstudie in Japan fand man heraus, dass der Maternity Blues besonders häufig auftrat, wenn Frauen in ihrer Kindheit selbst vernachlässigt wurden. Zudem wurde in der empirischen Untersuchung festgestellt, dass die Frauen sich während ihrer Schwangerschaft von ihrem Umfeld alleingelassen fühlten. Einfluss auf die Gesundheit der Frauen nimmt auch die postnatale Hormonumstellung. In einigen Fällen führt diese statt zur depressiven Verstimmung auch zu den sogenannten „Baby Pinks“, einer außerordentlichen Hochstimmung.

(Quelle: http://content.karger.com/produktedb/produkte.asp?doi=10011)

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